Startseite Aus den Ländern Niedersachsen Das Oldenburger Land - eine Region - drei Sprachen
Das Oldenburger Land - eine Region - drei Sprachen PDF

Das Oldenburger Land und somit auch das Land Niedersachsen ist ein Drei-Sprachen-Land. Es verfügt neben der hochdeutschen Sprache mit der Regionalsprache Niederdeutsch (Plattdeutsch) und der Minderheitensprache Saterfriesisch (Seeltersk), gesprochen im Saterland, über zwei weitere kleine Sprachen, die eine Jahrhunderte alte Tradition aufweisen.

 

Das Saterland ist laut einem Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde die kleinste Sprachinsel Europas. Es besteht aus den Orten Ramsloh, Strücklingen, Scharrel und Sedelsberg. Hier, mitten im Dreieck Leer, Oldenburg und Cloppenburg, nördlich des Küstenkanals angesiedelt, hat sich das Saterfriesisch erhalten. Saterfriesisch ist kein Dialekt, sondern eine eigene Sprache, das von etwa 2000(1) von etwa 13.200 Einwohnern des Saterlandes gesprochen wird. Saterfriesisch ist eine Variante des sonst überall verschwundenen Altostfriesischen. Das Seeltersk, wie der Saterfriese seine Sprache nennt, wird in der „Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen“ als eigenständige Minderheitensprache benannt und erfährt damit internationalen Schutz.

Seeltersk unterscheidet sich deutlich vom übrigen norddeutschen Platt. Das hat geographische Gründe. Jahrhundertelang bildeten die das Saterland umgebenden Moore eine natürliche Grenze zur Außenwelt. Die auf einem Sandrücken erbauten Dörfer lagen hier von Außenwelt abgeschnitten wie eine Insel dar. Bis ins 19. Jahrhundert gelangte man fast ausschließlich per Boot über die Sagter Ems (Seelter Äi) ins Saterland. In besonders trockenen Sommern oder strengen Winter erreichte man die Dörfer über die ausgetrockneten oder zugefrorenen Moore. In seinem Loblied auf das Moor und das Saterland beschreibt der überzeugte Saterfriese Vikar Schulte sein Saterland (Seelterlound) so: Seelterlound, du läist ousleten, fon de Wareld gans ferjeten. Man din Faan häd uus uk heelden fräi fon Fäinde, Kriech un Nood. (Saterland, liegst abgeschlossen, von der Welt ganz vergessen. Doch dein Moor hat uns auch gehalten frei von Feinden, Krieg und Not.)

Die natürliche Barriere hat so nicht nur negative Einflüsse von außen verhindert, sondern auch dafür gesorgt, das sich Seeltersk so eigenständig entwickeln und auch konservieren konnte, anders als die Varianten der plattdeutschen Sprache im Rest des Nordens von Deutschland.

 

Wie kam das Saterfriesische ins Saterland? Und wie überlebt es im Saterland?

Siedler aus Ostfriesland, die um 1100 ihre angestammten Wohnsitze wahrscheinlich unter dem Druck von Naturkatastrophen verlassen hatten,(2) etablierten die Ursprünge des Saterfriesischen im Saterland. Da bereits zu dieser Zeit einige sächsische Bewohner im Saterland lebten, begann zu dieser Zeit schon der enge Sprachkontakt mit dem Niederdeutschen, ließ aber das Saterfriesisch nebenher in seinem Ursprung bestehen. Auch die ab 1812 beginnende Erschließung des Saterlandes durch Verkehrswege und die Ansiedlung von Flüchtlingen aus dem II. Weltkrieg haben der Sprache über lange Jahre hin nicht geschadet. Als besonders einschneidend erlebt die Sprache aber dann die Auffassung in der Bildungspolitik der sechziger und siebziger Jahre, wonach behauptet wurde, dass Kinder, die Zuhause saterfriesisch aufwachsen große Nachteile in der Schule haben werden. Viele Eltern haben damals aufgehört, mit ihren Kindern ihre alte Muttersprache zu sprechen. Eine Endscheidung, deren Folgen die Saterfriesen heute deutlich spüren.(3) Die Zahl der Sprecher hat binnen einiger Jahrzehnte dramatisch abgenommen.

Heute sprechen die Saterländer neben der hochdeutschen Sprache und der saterfriesischen Sprache auch selbstverständlich Plattdeutsch. Man kann sicher auch behaupten, dass die plattdeutsche Sprache die ursprünglich heimische Muttersprache Saterfriesisch nach und nach bis in die heutige Zeit heute in vielen Fällen ins Hintertreffen geführt hat. Deshalb sind Maßnahmen zum Erhalt und zur Förderung der saterfriesischen Sprache dringend notwendig.


Was wird getan, um die Sprache des Saterlandes zu retten?

Da die Weitergabe der saterfriesischen Sprache über die Familien nicht mehr gewährleistet werden konnte, war schnell klar, dass nur über Kindergärten und Schulen dem entgegengewirkt werden konnte. Der Seelter Buund, der Heimatverein des Saterlandes, beginnt ab 1993 damit, für den Einsatz von Seeltersk im Kindergarten zu werben. Diese Initiative läuft zunächst nur schleppend an, da mit dem Zustrom von an die 2.500 Aussiedlern aus Kasachstan vorrangig das Thema Integration im Kindergarten an der Tagesordnung war. Ein neuer Versuch ab 1996 zeigt dann langsam Früchte. Einbezogen werden auf diesem Wege dann auch die Grundschulen. Ehrenamtliche Sprachpaten, Erzieherinnen und Lehrer/innen entwickeln Konzepte für eine erste Sprachbegegnung. Schnell merkt man allerdings, dass eine Sprachbegegnung allein die Sprache nicht retten kann. Und allein mit ehrenamtlichen Kräften ist das auch kaum zu gewährleisten. Leider fehlten bisher auch die gesetzlichen Grundlagen für eine Einführung der saterfriesischen Sprache in Kindergarten und Schule. Es ist allein der Initiative und dem Engagement einzelner Erzieherinnen und Lehrkräfte zu verdanken, wenn die Sprache in den Einrichtungen eine Rolle spielt. Mit dem mit Beginn des Schuljahres 2011/2012 in Kraft getretenen Erlass „Die Region und ihre Sprachen im Unterricht“ (Erlass des niedersächsischen Kultusministeriums von 2011 - 21-82101/3-2) gibt es nun eine Legitimierung für den Unterricht der saterfriesischen Sprache in der Schule. Dem Erhalt und der Förderung der Regional- und Minderheitensprachen wird hier besondere Aufmerksamkeit geschenkt und regionales Bewusstsein als pädagogischer Auftrag der Schule benannt. Erste Schüler einer zweiten Klasse der Grundschule in Scharrel werden nun zweisprachig auf Deutsch und Saterfriesisch unterrichtet. So soll die Sprache nicht nur am Leben erhalten werden, sondern auch als alltagstaugliche Sprache erlebt werden. Gleichzeitig verschafft man damit den Kindern auch einen Bildungsvorteil: Frühe Mehrsprachigkeit fördert die Intelligenz, die Sprechfähigkeit und den sprachlichen Ausdruck der Kinder.

 

Saterfriesisch in der Öffentlichkeit

Nicht nur im Bildungsbereich, auch in der Öffentlichkeit zeigen die Saterfriesen Flagge für ihre Sprache. Seit 2004 hat das Saterfriesische einen eigenen Sendeplatz auf dem lokalen Sender Ems-Vechte-Welle. Ausgestrahlt wird die Sendung aus dem alten Bahnhof in Ramsloh.


Mit zweisprachigen Orts- und Bahnhofsschildern zeigt sich die kleine Sprache sehr selbstbewusst. Unter dem Ort Scharrel steht jetzt der saterfriesische Name Schäddel, unter Ramsloh Roomelse. Auch Großeltern im Saterland reden mit ihren Enkeln inzwischen wieder Saterfriesisch. In Gottesdiensten, Gesangsgruppen und Gesprächskreisen wird die Sprache verstärkt wieder gepflegt. Ob der Kampf um die Sprache wirklich erfolgreich war, wird sich erst in einigen Jahren herausstellen.


Und wie ist das mit dem Niederdeutschen?

Niederdeutsch, Plattdeutsch, gehört nach wie vor zum Alltag in Norddeutschland. 97 Prozent, meist jeder in Norddeutschland, kennt Platt. Doch die Zahl der aktiven Niederdeutsch-Sprecher hat sich von 1984 bis 2007 halbiert. Das hat eine Studie des Instituts für niederdeutsche Sprache in Bremen ergeben.(4) So wie es der saterfriesischen Sprache ergangen ist, dass in Familien nach und nach die heimische Mundart nicht mehr gesprochen wurde, so erging es in den vergangenen Jahrzehnten auch der niederdeutschen Sprache. Aus dem Elternhaus zog die einstige selbstverständliche Regionalsprache aus. Sie bekam höchstens noch ein kleines Besucherzimmer im alltäglichen Gespräch unter den Großeltern, seltener auch unter Eltern. „Sollte sich dieser Trend fortsetzen, so droht in der kommenden Generation ein weitestgehender Verlust der Sprache.“ (5) Die Saterfriesen versuchen über den Weg Erziehung, Bildung und Schule ihre heimische Sprache zu retten. Sie haben erkannt, dass das nur mit einem klaren Konzept und einer gezielten Strategie möglich ist. Das Niederdeutsche kann sich, so wie das Saterfriesische auch, auf die Europäische Sprachencharta und den jüngst verabschiedeten Erlass „Die Region und ihre Sprachen im Unterricht“ beziehen, wenn die Sprache verbindlich und gezielt gefördert werden soll. Dass das möglich und realisierbar ist, zeigt der Vorstoß der Freien und Hansestadt Hamburg. Zum Schuljahr 2010/2011 führte Hamburg das Schulfach Niederdeutsch in vier ländlichen Regionen ein: Finkenwerder, Neuenfelde, Cranz, Vier- und Marschlande. Auch in drei Hamburger Bezirken (Hamburg-Mitte, Harburg und Bergedorf) wurde Plattdeutsch als reguläres Unterrichtsfach (in der Regel zweistündig) eingeführt. Was in Hamburg möglich ist, sollte in Niedersachsen auch umsetzbar sein. Der neue Erlass ist auf diesem Weg sicher ein erster Schritt. Um aber Kontinuität in der Weitergabe der plattdeutschen Sprache zu gewährleisten, bedarf es noch einiger Anstrengungen.

 

Heinrich Siefer ist Dozent in der Katholischen Akademie Stapelfeld, verantwortet dort den Fachbereich Niederdeutsch, vertritt die Plattdeutschsprecher des Landes Niedersachsen im Bundesraat för Nedderdüütsch

 

Quellenangaben:

(1) Evers, Johanna: Saterfriesisch im Kindergarten. In: Walker, Alastair/European Bureau for Lesser Used Languages-Komitee für die Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.): Sprachenvielfalt und Demokratie in Deutschland. Brüssel 2002. 97. Die Angaben über die aktuellen Sprecherzahlen variieren allerdings. Marron Curtis Fort spricht in seinem Handbuchartikel „Das Saterfriesische“ (In: Munske, Horst/et al (Hrsg.): Handbuch des Friesischen. Tübingen 2001. 410), von ca. 1500 bis 2500 Sprechern des Saterfriesischen.

(2) Hanne Klöver: Spurensuche im Saterland. Ein Lesebuch zur Geschichte einer Gemeinde friesischen Ursprungs im Oldenburger Land. Norden 1998, S.30.

(3) Die gleiche Einschätzung hatte man auch in Bezug auf die niederdeutsche Sprache. Hier hatte der Wandel aber nicht gleich so drastische Folgen, da die Sprechgruppe wesentlich größer war. Erst heute zeigt sich deutlich, was diese Auffassung bewirkt hat. Die Zahl junger aktiver Sprecher nimmt beständig ab.

(4) Konnten 1984 noch 29 % der Befragten gut oder sehr gut Platt sprechen, waren dies 2007 nur noch 10 %. Auch der Rückgang der passiven Sprachkompetenz ist signifikant, wenn auch nicht so stark ausgeprägt – 1984: 73 % der Befragten können Platt gut oder sehr gut verstehen gegenüber 46 % in 2007

(5) Schröder, Ingrid: Zur Lage des Niederdeutschen. In: Goltz, Reinhard / Lesle, Ulf-Thomas / Möller, Frerk (Hrsg.): Mit den Regional- und Minderheitensprachen auf dem Weg nach Europa - Schriften des Instituts für niederdeutsche Sprache. Bremen 2011. 15

 

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